Das verschluckende Blau

Sie war heute besonders hübsch- so in ihrem kleinen Kleidchen, welches vor lauter Stoffschichten undurchsichtig gemacht und trotzdem auf eine gewisse Weise verrucht wirkte. Die Stofffarben reichten von einem Blau, dass dem Nachthimmel glich, bis zum hellen Türkisgrün der Meeresbucht vor den Malediven, die sie vor vielen Jahren besucht hatte. Ihr Make-up um die Augen war den glitzerten Röcken angeglichen und funkelte mit ihren Augen um die Wette. Die langen, blonden Haare trug sie heute ein wenig nach hinten gesteckt, damit sie während dem schnellen Tanz nicht ständig ins Gesicht fielen.

Dass sie siegessicher war, sagte sie zwar nicht, man merkte es ihr aber an ihrem Gang an, der leicht tänzelnd und somit den anderen an Eleganz überlegen war. Ihr Tanzpartner war ein eher schüchtern wirkender Typ von Mann, der aber genauso sportlich aussah wie sie.

Dann wurde sie hinausgerufen und ihr Auftritt begann.

Die komplette Fläche war verdunkelt und das Publikum mucksmäuschenstill. Dann fiel mit dramatischem Anfang der Musik der Scheinwerfer auf die beiden ineinander verschlungen Tanzpartner.

Ihr Kopf erhob sich und sie blickte mit einer Perfektion, die nicht nur geübt sein konnte in die Kamera, welche sie filmte. Sie begann zuerst mit langen, zierlichen Schritten, bis die Musik schneller und energischer wurde. Dann begann sie zu springen und vollendete Pirouetten zu drehen. Von der Haarwurzel bis in die Zehn war ihr Körper angespannt. Sie fegte jetzt nur so übers Parkett- ihr Tanzpartner wurde komplett in den Schatten gestellt. Durch die strahlend hell beleuchtete Halle schillerte ihr Kleid bei jedem Hüftschwung. Das nutzte sie aus, indem sie es mit heftigen aber weichen Bewegungen hin und her wirbeln lies. Der Tanz der glitzernden Steine konnte ihr trotzdem nicht die Show stehlen und sie blieb der einzige Augenstern im ganzen Raum. Als sie schließlich ein wenige außer Puste zu stehen kam, brodelte das Publikum nur so über vor Rufen und Pfiffen, die immer wieder von den Wellen des tosenden Applauses niedergeschlagen wurden.

Nach einigen Verbeugungen ging sie genauso leichtfüßig wie sie gekommen war von der Fläche und hinterließ ein stummes Staunen im Raum, das von keinem der darauffolgenden Paaren übertrumpft werden konnte. 

 

Als die Musik aus den Boxen des Fernsehers verstummt, kehrte die Totenstille wieder in den Raum. Und mir der Stille kam auch der stechende Schmerz in ihrer Brust wieder. Er füllte ihren Körper auf wie Gift, das langsam durch die Adern gepumpt wurde.

 

Verärgert schnappte sie sich die Fernbedienung und schaltete den Bildschirm mit einem energischen Knopfdruck aus. Mit Tränen in den Augen rollte sie sich die Rampe hinunter in ihr Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu. Dabei segelte das blau glitzernde Kleid vom Hacken. Der Aufprall war kaum zu hören. Es war eher ein elegantes, leises rascheln.

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